Der digitale Euro: Bargeld im Handy

Die Europäische Zentralbank hat Mitte Januar erste Ergebnisse einer Umfrage zum digitalen Euro unter Bürgern, Firmen und Industrieverbänden veröffentlicht. Schon bald soll eine Entscheidung über die Entwicklung des digitalen Euros, also von digitalem Zentralbankgeld, fallen.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde geht davon aus, dass es einen digitalen Euro geben wird. Innerhalb der nächsten fünf Jahre könnten Bürgerinnen und Bürger in der Europäischen Union mit ihrer digitalen Geldbörse auf dem Handy, einem "Wallet", einkaufen. Ein ambitioniertes Ziel. Und zugleich eine kleine Revolution: Denn Zentralbankgeld steht Privatpersonen und Unternehmen derzeit nur in physischer Form als Bargeld zur Verfügung.

Was bedeutet die Einführung eines digitalen Euros für Politik und Wirtschaft? Und was für Banken, Unternehmen und Verbraucher? Antworten auf diese Fragen geben drei Experten aus der Commerzbank:
Thu Lan Nguyen ist als Devisenanalystin in GM-Research unter anderem auf das Thema Kryptowährungen spezialisiert; Sebastian Kraft verantwortet als Senior Product Owner im DLT-Lab der Group Technology Foundation die Blockchain-Projekte der Commerzbank. Er arbeitet unter anderem an blockchain-basierten digitalen Bezahlverfahren und vertritt die Commerzbank zu diesen Themen auch in verschiedenen Verbänden. Benjamin Duve beleuchtet das Thema von der Produkt- und Vertriebsseite. Als Head of Digital Assets & Custody in Capital Markets & Advisory und als einer der Gremienvertreter der Commerzbank zur digitalen Kapitalmarkt-Infrastruktur und zum digitalen Euro (Bundesverband deutscher Banken, BdB) bringt er die Kunden- und Banksicht in die Betrachtung ein.

Frau Nguyen, warum rückt die Diskussion um den digitalen Euro derzeit so in den öffentlichen Fokus?
Thu Lan Nguyen: Nun ja, ich würde sagen, wir sind im Euro-Raum damit ziemlich spät dran. Viele Zentralbanken experimentieren schon länger mit digitalen Zentralbank-Währungen, sogenannter "Central Bank Digital Currency" (CBDC); allen voran China, das 2020 bereits den digitalen Yuan in einer Pilotregion ausgegeben hat. Auch Schweden hat in einem Piloten die E-Krone in Umlauf gebracht.

Die Europäische Union möchte den digitalen Euro einführen, um damit den Einfluss des Euros als internationale Währung - und Europas als Handelspartner - weltweit zu stärken. Der digitale Euro wäre die Antwort auf die Bedrohung der digitalen Souveränität Europas durch die Facebook-Währung „Diem“, die umbenannte „Libra“; ebenso durch anderes „privates Geld“, Kryptowährungen sowie digitales Zentralbankgeld anderer Länder. Im Gegensatz zu Kryptowährungen stünde ein digitaler Euro unter Aufsicht der Zentralbank, die die Stabilität der Währung sichert.

Was bedeutet der digitale Euro für Zentralbanken und für Privat- und Geschäftsbanken?
Thu Lan Nguyen: Der digitale Euro wäre ein digitales Bargeld-Äquivalent - zumindest in der Form, in der die Zentralbank ihn diskutiert. Bezahlen wir aktuell unseren Einkauf mit der EC- oder Kreditkarte, handelt es sich um sogenanntes Giralgeld. Da bestehen Forderungen gegenüber der Geschäftsbank; Giralgeld geht mit Kreditrisiken einher. Beim digitalen Euro handelt es sich um digitales Bargeld, da bestehen die Forderungen gegenüber der Zentralbank.

Die Zentralbank wäre auch diejenige Bank, die das Bargeld ausgibt. Hier mahnen jedoch viele zur Vorsicht: Je nach Attraktivität des digitalen Geldes könnten Bürger ihre Bankguthaben in großem Stil in digitales Zentralbankgeld tauschen. So könnten sie einen „Bank Run“ verursachen und die Geldschöpfung sowie die Kreditvergabe der Banken behindern. Um dieses Thema in den Griff zu bekommen, wird darüber diskutiert, Betragsobergrenzen oder negative Verzinsung für digitales Bargeld im Wallet einzuführen.

Also könnten Verbraucher einen bestimmten Bargeldbetrag in ihre elektronische Geldbörse laden und damit im Geschäft bezahlen?
Sebastian Kraft: Ja, das wäre denkbar. Dann wäre das einfach ein zusätzliches Zahlungsmittel. Das klassische Bargeld und andere bestehende Zahlungsmöglichkeiten sollen ja nicht abgeschafft werden. Ob der digitale Euro von der Öffentlichkeit und Geschäften angenommen wird, kommt darauf an, ob er einen echten Mehrwert bietet: Denn bequeme digitale Zahlungsmittel gibt es ja bereits und sie werden kontinuierlich weiterentwickelt. Dieser Mehrwert könnte bei digitaler Zahlung die Anonymität sein. Die Bezahlung mit dem digitalen Euro wäre je nach Ausgestaltung genauso anonym wie es beim klassischen Bargeld der Fall ist; zumindest unter bestimmten Betragsgrenzen.

Und wie würden Unternehmen den digitalen Euro nutzen?
Sebastian Kraft: Unternehmen kämen ja nicht weit mit dem von Frau Nguyen erwähnten betragsbegrenzten Wallet. Einige Unternehmenskunden fragen bei uns bereits nach neuen Bezahllösungen, die „programmiert werden können“. Damit würden sie den Anforderungen der vernetzten Industrie 4.0 besser genügen als die derzeit verfügbaren Verfahren. Das heißt zum Beispiel, dass Transaktionen bei Eintritt bestimmter Bedingungen automatisiert und direkt zwischen Unternehmen oder sogar Maschinen durchgeführt werden können. Hieraus ergeben sich zum Teil erhebliche Effizienzpotenziale für unsere Kunden. Und hier kommt die Blockchain-Technologie ins Spiel. Es ist dafür nicht zwingend digitales Zentralbankgeld erforderlich. Ein Giralgeld-Token der Banken könnte ebenso die Anforderungen erfüllen. 2019 haben wir zum Beispiel gemeinsam mit „Daimler Trucks“ sogenanntes „E-Geld“ auf einer Blockchain ausgegeben; da hat ein selbstfahrender Truck voll automatisiert getankt und mit digitalem Geld bezahlt.

Benjamin Duve: Um es einfach auszudrücken: Ich bezahle mit meinem Handy oder meiner Uhr,. Das kann grundsätzlich auch jeder Commerzbank-Kunde schon heute. Wichtig oder neu an der Diskussion ist neben dem digitalen Euro der Zentralbank, was das neue Geld noch zusätzlich kann. Und wofür unsere Kunden es verwenden wollen. Wir sind hier aktuell in vielen Diskussionen, sowohl intern als auch im Markt. Aktuell würde ich aus Bankensicht sagen: Es wäre sehr interessant, eine universell einsetzbare Lösung mit token-basiertem Giralgeld zu haben; und zwar für die meisten unserer Kunden. Und mit neuen Eigenschaften wie Programmierbarkeit. Der Zugang für die Benutzer eines solchen digitalen Euros würde dann wie bisher von den Banken angeboten. Um das abschließend zu beantworten, müssen wir noch besser die Anforderungen unserer Kunden verstehen und weitere Aspekte beachten. Die Frage ist, was brauchen die Kunden von uns, um innovativ und erfolgreich zu sein?

Die universelle Lösung müsste dann technisch von allen Beteiligten unterstützt werden. Was würde das für den weltweiten Zahlungsverkehr, das Kapitalmarktgeschäft und auch die Dokumentenabwicklung bedeuten?
Benjamin Duve: Aus Kapitalmarkt-Sicht haben wir großes Interesse an einer digitalen Nutzbarkeit der Währung. Zum Beispiel als Möglichkeit, die gerade neu entstehenden digitalen Wertpapiere, die auf einer DLT-Technologie abgebildet werden können, abzuwickeln. Hier wollen wir Zentralbankgeld nutzen, um so die risiko-minimierte Lieferung gegen Leistungs-Geschäfte durchführen zu können. Auch hier gucken wir uns als Bank verschiedene Lösungen an: etwa eine Trigger-Lösung der Bundesbank mit einer Target2-Anbindung über „Fnality“, das potenziell verschiedene Währungsräume abdeckt. Und einen digitalen Euro für den Interbankenverkehr, auch „wholesale CBDC“ genannt.

Sebastian Kraft: Darüber hinaus könnten Banken die Vorteile dieser hocheffizienten "Payments" mit den Vorteilen der Blockchain-Technologie in anderen Bereichen verbinden. Zum Beispiel mit dem Supply-Chain (Lieferketten)-Management. Für unsere Kunden können wir so blockchain-basierte Produkte entwickeln, die einen hohen Mehrwert stiften.

Benjamin Duve: Genau, und als Enthusiast für die DLT-Technologie verstehe ich die technische Entwicklung als Chance. Auch über unseren aktuellen Diskussionsstand in der Bank hinaus glaube ich persönlich, dass ein früh eingeführter digitaler und programmierbarer Euro der Banken für die europäische Wirtschaft ein großer Wettbewerbsvorteil werden könnte. Und das unabhängig von den weiteren Lösungen, die noch im Raum stehen. Als Bank müssen wir die Varianten des digitalen Euro nun quali- und quantifizieren: mit Sebastian, Thu Lan und den vielen Kollegen von Zahlungsverkehr über Strategie bis Treasury, die sich hier zusätzlich zu ihren täglichen Aufgaben mit großem Engagement einbringen. Dann können wir im Markt, aber auch über die Verbände, für die relevantesten Lösungen und deren regulatorische Voraussetzungen werben.

Thu Lan Nguyen
Foto: privat
Thu Lan Nguyen

Senior Devisenanalystin, GM-Research

Thu Lan Nguyen hat nach Abschluss ihres volkswirtschaftlichen Studiums im Jahr 2010 begonnen, in der Research-Abteilung der Commerzbank zu arbeiten. Hier war sie zunächst für die Analyse osteuropäischer Währungen zuständig und weitete in den folgenden Jahren ihre Coverage auf weitere Währungen von Schwellen- als auch Industrieländern aus und ist mittlerweile als Generalistin in der Devisenstrategie tätig.

Sebastian Kraft
Foto: privat
Sebastian Kraft

Senior Product Owner, DLT & Blockchain, Group Technology Foundations, DLT-Lab

Sebastian Kraft ist 2010 von einer großen Unternehmensberatung in die Commerzbank gewechselt. Nach Stationen im Inhouse Consulting (CBC) und in der Konzernstrategie sowie der Leitung zweier Abteilungen in GS-ES und GS-OS beschäftigt er sich seit 2017 ausschließlich mit der Entwicklung von Blockchain-Anwendungen und -Projekten im DLT-Lab der Commerzbank.

Benjamin Duve
Foto: privat
Benjamin Duve

Head of Digital Assets & Custody, Firmenkunden - Corporates & Markets Advisory Custody

Benjamin Duve arbeitet seit 2007 bei der Commerzbank, zunächst als Firmenkundenbetreuer. Nach einem Projektaufenthalt in Frankfurt betreute er mehrere Jahre Bank, Zentralbanken und Sovereign Wealth Funds in den Golfstaaten aus Dubai heraus. Seit seiner Rückkehr arbeitet er in Capital Markets and Advisory und verantwortet hier das Depot- und Custody-Geschäft im Firmenkundenbereich. Darüber hinaus ist er für Digital Assets von der Emission bis zur Verwahrung verantwortlich.

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